Unser Ministerpräsident Johannes Rau war der mächtigste Mann im Land, für mich jedenfalls. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass ein Ministerpräsident einmal in eine Bedrängnis geraten könnte durch eine Entscheidung von Nokia. Politik war stärker.
Damals war Politik noch stärker. Heute ist sie ... nicht mehr vorhanden.
Das "System", gegen das die Jugend in Spanien revoltiert, hat die Politik geschluckt, sowie sie das Volksvermögen verspeist.
Und was machen wir? Kriegen entweder bequemerweise keine Kinder - oder werden Täter.
Wir - als Eltern - pressen unsere Kinder mit Gewalt in ein System, das direkt in den Burn out führt, wenn sie alle Hürden erfolgreich nehmen. Nehmen sie die Hürden nicht, erwarten sie die Bedingungen des Prekariats ... früher oder später.
Manchmal denke ich noch wehmütig an die Zeit zurück, als man sich noch Gedanken um Pädagogik machte ... das ist jedoch schon zweihundert Jahre her.
Charaktere wollten wir erschaffen, gehaltvolle Individuen.
Und heute?
Produzieren wir flexibles humanes Füllmaterial für inhumane Wirtschaftsprozesse. Jeder macht mit.
Wenn nicht .... so droht die komplette Aussortierung.
Der Direktor einer Sonderschule hat mir vor acht Jahren erzählt, das seine Klientel sich ändert: es sind nicht mehr die Behinderten, die zu ihm kommen, sondern mehr und mehr diejenigen, die nicht angepasst genug sind. "Der Konformitätsdruck hat gewaltig zugenommen" ... so waren seine Worte.
Sonderschule wurde zu einer Art Hartz IV für Kinder.
Ich fand es grauenvoll. Und mache doch selbst mit. Ich kenne auch die Konsequenzen. Verweigere ich die Eingliederungsarbeit meiner Kinder, werden sie mir entzogen. Würde ich mutig für die Abschaffung von Hausaufgaben streiten, mich ins Zeug legen, die Erklärung der allgemeinen Menschenrechte im Kinderzimmer durchzusetzen und meine Kinder nicht über die medizinisch/pädagogisch/psychologisch sinnvolle Zeit arbeiten lassen, so würde dies als "Verwahrlosung" zu definieren sein, was umgehend das Jugendamt ins Spiel brächte.
Wie gut, das ich Hausaufgaben machen lasse. Das erspart meinen Kindern die Pflegefamilie.
Wie sehr das System nach den Kindern gegriffen hat, merkt man erst, wenn man sich Gedanken macht, was wohl geschehen würde, wenn man sie - nach Vernunft und Menschlichkeit gemessen - der Vernichtung entziehen möchte. Das Geflecht von "Sachzwängen" ist nicht nur ziemlich dicht geworden, es hat auch schon längst einen Verfolgungsapparat konstruiert.
Ich muss dem Autor der Zeit nochmal meinen Dank aussprechen - der Brief an seine Tochter ist recht gelungen. Als bitterer Beigeschmack bleibt die sichere Erkenntnis, das wir die Kindheit unserer Kinder weiter verdichten und vernichten werden. Ich kann ihm auch eine Frage beantworten:
Wenn Du Geburtstag feierst und Deine Klassenkameradinnen kommen, freue ich mich über all die wohlerzogenen Kinder, die den ganzen Tag keine Mühe machen – aber ich wundere mich auch. Wo sind die Querköpfe, die Nervensägen, die Rotznasen? Wer hat sie aussortiert?
Darf ich dazu den Autor selbst zitieren?
Ich werde es Dir erklären: Es bedeutet, Klassenarbeiten sollen nicht nur helfen, herauszufinden, welcher Schüler wo Schwächen hat – um dafür zu sorgen, dass es beim nächsten Mal besser klappt. Nein: Sie sollen auch helfen, die Schwächsten zu finden und auszusortieren. Deine Lehrerin hat nicht gesagt, es gehe ihr darum, alles zu tun, »damit« Kinder Schritt halten können. Sondern zu prüfen, »ob«.
Die sind alle aussortiert und landen in der Sonderschule. Anschließend wird das Jobcenter alle Hände voll zu tun haben, ihnen ein Bildungsniveau zu verpassen, das sie arbeitsfähig werden lässt.
Ich warte eigentlich nur noch auf den Moment, wo die Jobcenter nach der Geburt eines Kindes Eingliederungsvereinbarungen an die Eltern verschicken, in denen die sich verpflichten, alle für die Eingliederung der Kinder notwendigen Massnahmen zu ergreifen.
Und die Schule?
Spricht auch hierzulande ein offenes Wort:
"Eltern, die mit dem Gesetzbuch unter dem Arm herumlaufen, sind hier völlig falsch" - so der Direktor eines Gymnasiums vor zehn Jahren.
Die Reaktion der Eltern?
Applaus.
http://eifelphilosoph.blog.de/2011/05/31/eltern-taeter-11242005/

0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen